Artenschutz für die Krone der Schöpfung?

17. Aug. 2019 von Antje Garrels-Nikisch

Gerade wird viel und dringlich über Artenschutz geredet, und wie wichtig Biodiversität ist. Das bietet Gelegenheit zu ungewohnt klingenden Fragen: Brauchen wir Artenschutz für die Menschheit, die, so ist zumindest eine weit verbreitete Aufassung, sich seit einiger Zeit immens selbst gefährdet?

Ein unsinniger Gedanke?
Bestimmten religiösen und/oder verantwortungsethischen Auffassungen nach ist der Mensch keine tierische Spezies, sondern eine Kategorie für sich. Wissenschaftlich gilt "Mensch" hingegen seit Mitte des 19. Jahrhunderts als eine tierische Spezies, was immer "Mensch" über andere Tiere hinaus auch zu tun vermag (etwa Naturgesetze entdecken und theoretische Konzepte darüber entwickeln). Das scheint mir gerade jetzt eine hilfreiche Sichtweise, um wichtige Fragen wie die folgende zu stellen:

Ab wann ist die biologische Art Mensch die Menschheit?
Ist die Menschheit durch Umweltzerstörung, Biodiversitätsverlust oder Klimawandel gefährdet? Wie kann man das messen oder operationalisieren? Ab welcher Zahl an Exemplaren oder ab welcher qualitativen Beschreibung lässt sich sinnvoll von "der Menschheit" sprechen? Ab zwei Exemplaren? Tausenden? Millionen? Und will man alle Exemplare zählen, die je gelebt haben, oder sollen nur die gerade Lebenden und möglicherweise auch die zukünftig vielleicht noch Kommenden zählen? Wie könnte sich unsere Spezies erdsystemkompatibel bekommen? Solche Fragen helfen, unsere Umweltprobleme mit neuen Perspektiven anzugehen; Letzteres scheint nötig, weil ältere Perspektiven keine neuen Lösungen mehr liefern.

Biologisches Überleben ist Mindestbedingung
Um Lebewesen zu haben, die sich entsprechende Gedanken machen, ist es nicht ganz unwesentlich, dass die Bedingungen biologischen Überlebens für die menschliche Spezies mindestens erfüllt sind. Wer sollte sonst später über Konzepte wie Lebensqualität überhaupt reden können?

Biodiversitätsschutz schließt Menschenschutz ein
Wir sind organisch und brauchen bestimmte erdsystemische und ökosystemische Bedingungen, um als Spezies zu überleben. Dass wir darüber hinaus auch ziemlich weit gekommen sind darin, die Welt zu verstehen, in der wir leben, schafft diese Notwendigkeit nicht aus der Welt. Evolutionstheoretisch denkt heute niemand der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Unsere Spezies kann nach den wissenschaftlichen Kategorien, die heute gelten, kein evolutionäres Ziel sein. Es macht also wenig Sinn, gewohnheitsmäßig einen alten Groll gegen an evolutionären Erklärversuchen orientierte Sozialtheorie herumzutragen.
Biodiversitätsschutz ist Menschenschutz - das wird schnell erkennbar, wenn "Mensch" nicht mehr als etwas grundsätzlich anderes als andere Tiere angesehen wird. Es wird Zeit, ein realistischen Bedingungen angepasstes Menschenbild zu Grunde zu legen, wenn - hoffentlich friedlich - über nachhaltig bestmögliche Lebensbedingungen verhandelt wird.

(Bild von M W auf Pixabay. Danke!)