Resilienz: Stories wie DNA.

16. Aug. 2018 von Antje Garrels-Nikisch

In Geschichten ist Information vorhanden, auf die es in Zukunft ankommen könnte, ohne dass man jetzt schon wissen müsste, was das im Einzelnen sein wird.
Diese Idee zu teilen wird um einiges leichter, wenn man mal ernsthafter mit dem Gedanken spielt, dass biologische Evolution nicht mehr allein wirkt, sondern mehr oder weniger gut mit kultureller Evolution zusammen.

Gedanken sind so frei, wie sie sein können.
Denken kann man alles, was das Gehirn zu denken in der Lage ist. Realisieren und dann auch stabilisieren kann man aber nur, was sich tatsächlich machen lässt - das heißt auch, wozu andere Menschen bereit und der Lage sind, mitzumachen.
Vielleicht funktioniert die Idee, freiwillige Selbstverpflichtung löse Probleme, die zuvor hartnäckig nicht zu lösen waren, deshalb weniger gut als von vielen erhofft, weil das Menschenbild dahinter veraltet ist, wenn es denn je gepasst hat.

Nach welchen Regeln ticken Menschen?
Es lohnt sich, in menschlichen Angelegenheiten immer mal wieder in Richtung Theorie und Forschung darüber zu schauen, wie Leben funktioniert. Der ökologisch orientierte Zoologe Wolfgang Wieser (1998 Erfindung der Individualität) der universell interessierte Physiker Max Tegmark (2017 Leben 3.0) und der molekular orientierte Biologe Andreas Wagner (2015 Arrival of the Fittest) schauen auf die wesentliche Frage, wie Altes bewahrt und Neues in die Welt kommt.

Evolution: kann jetzt auch anders Information verbreiten.
Kulturelle Evolution arbeitet in diesem Denkansatz nach den gleichen Prinzipien wie biologische Evolution - Replikation, Variabilität, Selektive Erblichkeit -, gewann aber im geistigen Medium neue Freiheitsgrade. Angenommen wird, dass kulturelle Evolution aus biologischer entstand, aber darin Information anders verbreitet wird. Gruppenspezifisches Verhalten wird so sozial weitergegeben und artspezifisches Verhalten weiter genetisch (Wieser: 506-511). Kulturelle Evolution löst biologische Evolution nicht ab, sondern ergänzt sie. Und läuft schneller, weil sie nicht nur vorwärts (in die nächste biologische Generation), sondern auch seitlich (kommunikativ zu anderen Leuten) und zurück (von jungen zu alten Leuten) fließen kann, was die evolutionäre Dynamik erhöht.
Dies könnte erklären, warum unsere Entscheidungsumwelten ziemlich schnell komplexer werden.

Leben: bewahrt Komplexität und reproduziert sich.
Tegmark definiert Leben nicht detailliert, sondern umfassend "als einen Prozess, der seine Komplexität bewahren und sich reproduzieren kann" (43). In seiner offenen Aussage bleibt er überhaupt nicht unkonkret: "Was reproduziert wird, ist nicht (aus Atomen bestehende) Materie, sondern (aus Bits bestehende) Information, die festlegt, wie die Atome angeordnet, (sic) werden" (ebd.).

Information - nicht Materie - ist das, was weitergegeben wird. Mich überrascht ehrlich gesagt, wie wenig verwirrend das für mich klingt. Hat wohl auch damit zu tun, dass inzwischen viel Prozessdenken und Erfahrung mit digitalen Instrumenten kursiert und ich entsprechende Erfahrung sammeln konnte.

Tegmark bringt dazu ein biologisches Beispiel: "Wenn ein Bakterium eine Kopie seiner DNS herstellt, werden keine neuen Atome erschaffen, sondern eine neue Anzahl von Atomen wird in demselben Muster angeordnet, wie es auch das Original aufweist, wodurch die Information kopiert wird" (ebd.).

Wagner: Robustheit via DNA und Story
Um das Wie des Information-bewahrens geht es Wagner. DNA und die Stories, die wir uns erzählen, ähneln sich hier: "Die Hauptaufgabe der DNA besteht darin, Informationen träge und originalgetreu für Generationen zu speichern, ansonsten aber möglichst wenig zu tun" (67).

Mir fällt sofort ein, wie sehr Kinder wiederholt darauf bestehen, dass eine Geschichte immer gleich erzählt wird. Kennst du das auch, wie ihre Spannung steigt, nicht obwohl, sondern, weil sie schon wissen, was gleich kommt?

DNA enthält viele Gene, die der Organismus selbst oft nie in seinem Leben braucht, die spätere Generationen aber wieder nutzen könnten. Wagner bringt das Beispiel eines Satzes, dessen Vokale gelöscht wurden: Was ein solcher Satz aussagt, wird problemlos verstanden, sofern man die Sprache kennt, in der er geschrieben ist.
Evolution agiert theoretisch gesehen konservativ und progressiv, hält via genetischem Überschuss lebendig, was funktioniert und ermöglicht, Bestandteile neu anzuordnen - so kommt Neues aus Altem in die Welt (vgl.: 250-259).

Redundante Information ist nicht überflüssig.
Scheinbar unnötiger genetischer wie erzählerischer Überschuss ergibt die Diversität, die passiv dafür sorgt, dass immer genügend vorhanden ist, um neue biologische oder kulturelle Muster zu stricken und sie realen materiellen und sozialen Umständen auszusetzen. Funktionieren Systeme so gut, dass sie einiges aushalten, nennt man die Eigenschaft, die diese Wirkung erzeugt, Robustheit oder Resilienz.

Was hat das mit dir, mir und Nachhaltigkeit zu tun?
Ob und wie träge Information gebraucht und zu neuen Mustern zusammengesetzt wird, die vielleicht aktuell stabiler als veraltete tragen, müssen diejenigen entscheiden, denen neue Ideen aus alten Bestandteilen kommen. Also du, ich und alle anderen.

Mit Hilfe dieser drei hellwach spekulierenden und sorgfältig arbeitenden Autoren kopiere ich problemlos in meine Welt, dass in Stories, die du über dich erzählst, viel Information vorhanden ist, auf die es in deiner Zukunft ankommen könnte - selbst dann, wenn sie heute nicht gebraucht wird.

Junge Geschichten, die gut funktionieren, fühlen sich schnell wie alte an. Ein sustainable you® baut darauf, dass du dir deine Geschichte neu erzählst und dabei so oder so, robust der oder die Alte bleibst.

Mehr über sustainable you® Coachings erfährst du auf meiner Internetseite