Robuste Haltung entscheidet

8. Nov. 2019 von Antje Garrels-Nikisch

Ist es dir ernst und du willst tatsächlich zunehmend nachhaltiger leben (und sagst es nicht nur mal so, weil es jetzt grad' angesagt scheint) gibt es eine Art Wundermittel für dich. Investiere in eine robuste Haltung.

Robustheit zeichnet Zähe aus
Eine robuste Haltung ist alles andere als starr, sondern flexibel genug, um auch durchzuhalten, wenn sich bisher als nachhaltig geltendes Verhalten als eben doch nicht nachhaltig genug herausstellt, und du prinzipiell vorbereitet sein musst, es morgen anders anzugehen als heute, oder wenn der soziale Wind hart von vorn kommt.

So kannst du dich reindenken
Spiel' doch mal mit einer sinnvollen Perspektive: Sieh dich als ein evolutionär entstandenes komplexes System an. Diesem Modell entsprechen sowohl Organismen wie Ökosysteme; werden solche aus ihrem Normalzustand gerissen, können sie aufgrund von Robustheit etwas Ähnliches wie ihre normale Funktion zurückgewinnen, sagt die Wissenschaftstheoretikerin Sandra Mitchell (vgl. 2008: 102). Niemand verlangt ja tatsächlich von dir, dass du ein Modell für wahr hältst.
Die empirische Beobachtung, dass Generalisten sich schneller in dynamischen Umfeldern zurechtfinden und Spezialisten eher in stabilen Umfeldern profitieren, bestätigt sich in Biologie und Ökologie: „Eine Umwelt, die sich nicht verändert, führt im Laufe der Zeit zu geringerer Komplexität, weil die Robustheit weniger wichtig ist“ (Wagner 2015: 277). Dass es im Moment ziemlich dynamisch zugeht für uns Menschen, wird kaum jemand leugnen. Also sollte es sich lohnen, mit nicht allzu simplen "Wahrheiten" an die Sache zu gehen und flexibel zu sein, um sich stabil halten zu können.

So kannst du es praktisch machen
In eine robuste Haltung zu investieren bedeutet ganz weit vorn, dir klarzumachen, für wen genau (ob es nur du selbst bist, oder alle Möglichen) und aus welchen für dich relevanten Gründen (willst du deine Kinder zukünftig gut aufgehoben wissen, siehst du bessere Chancen für Weltfrieden, wenn weniger Leute flüchten müssen?) du das willst.

Es funktioniert relativ einfach: Frag' aus für dich wertgeladenen Perspektiven und antworte dir ehrlich. Auch hier gilt: Du entscheidest, warum du dich nachhaltig halten willst. Auch an einer persönlichen Version von sozialer Utopie zu arbeiten und Szenarienwege dahin zu entwerfen lohnt sich. So kannst du im Fall sich bietender Chancen schneller zugreifen, als wenn du dann erst beginnst zu überlegen, ob du so oder so leben willst, und ob und mit welchen anderen du daran arbeiten könntest.

Es ist deine Verantwortung, die dir niemand abnehmen kann
Worum du nicht herumkommst, wenn es dir um deine Haltung geht, ist eine eigene haben zu wollen und nicht "einfach" eine zu kopieren zu versuchen, die aus der Nähe betrachtet gar nicht zu dir passt. Das hat zugegeben etwas Religiöses: du musst dich für das aus deiner Sicht "Gute" entscheiden, bevor du entscheiden kannst, was du bleiben lässt, weil es nach deinem besten Gewissen nicht nachhaltig ist.

(Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay: Danke!)

Literatur
Mitchell, Sandra (2008): Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

(Ihr reichen bisherige Theorien / Modelle nicht aus zum Verständnis von Komplexität(en) biologischer wie auch sozialer Systeme.)

Wagner, Andreas (2015): Arrival of the Fittest - Wie das Neue in die Welt kommt. Über das größte Rätsel der Evolution. Frankfurt am Main: S. FISCHER.

(Er liefert einen aktuellen Stand hinsichtlich molekularer Evolutionsbiologie, die auf zu einfache Sichten auf die Arbeitsweise der genetischen Ausstattung aufmerksam macht. Das zu lesen bewahrt davon, Evolutionsfans per se Gedanken zu unterstellen, die sie meist gar nicht haben.)