Alle Menschen sind berechnend

28. Aug. 2019 von Antje Garrels-Nikisch

Dies schlussfolgere ich einfach daraus, dass wir organisch sind und jegliche Aktivität - auch passive, schlicht lebenserhaltende Prozesse - Energiezufuhr benötigt. Besonders viel Energie braucht das Gehirn, um irritierende Wahrnehmungen einzuordnen. Denn dafür braucht es Bewusstein.

Irritierendes zu denken ist kalorisch teuer
Gewohntes wird in einem flüssigen Modus gedacht ("Fluency") und Irritierendes in einem stockenden Modus ("Disfluency"). Es kostet jeden Organismus reale Ressourcen, Bewusstsein für eine schwierig zu denkende Angelegenheit aufrecht zu erhalten. Das bildet sich auch gefühlsmäßig ab: Was man selbst denkt bzw. wie man gewöhnlich denkt, fühlt sich besser an, es scheint zunächst richtiger, darum geht es beim Konzept von Fluency und Disfluency des Psychologen Adam Alter:

"Fluency implies that information comes at a very low cost, often because it is already familiar to us in some similar form. Disfluency occurs when information is costly – perhaps it takes a lot of effort to understand a concept, or a name is unfamiliar and therefore difficult to say. His work has interesting implications (…) globalization, and is highly relevant in a world where cultures continue to meet and to merge" (Jennifer Jacquet 2013 über Adam Alters Forschung auf Edge.org).

So gesehen wären Gedanken nicht völlig frei und zumindest nicht gratis zu haben,
Sind Gedanken - etwa über die Komplexität der Prozesse um Klimawandel - ungewohnt, ist es teuer, diese ernsthaft zu verfolgen. Dafür wendet das Gehirn eine wertvolle - nämlich kalorisch teure - Ressource auf: Bewusstsein.

"Die Kohärenz zwischen entfernten Hirnregionen nimmt zu, wenn Zusammenhänge hergestellt werden, derer wir uns bewusst werden. Die Prozesse sind energieintensiv, d.h. der Sauerstoff- und Glucoseverbrauch ist hoch, und es sind weite Areale des Gehirns beteiligt. Haben sich die neuen Ordner dann gebildet, sind also z.B. Konditionierungsvorgänge abgeschlossen oder Lernprozesse in Routinen verwandelt, dann sinkt der Energieverbrauch drastisch und der Wirkungsgrad des Systems steigt. Die Leistung nimmt zu, obwohl oder gerade weil weniger Gehirnareale beteiligt sind. Das Gehirn beschränkt sich auf das Wesentliche. Wo es sich nicht auf das Wesentliche beschränken kann, weil eine Situation neu und herausfordernd ist, braucht es Bewusstsein" (Haken; Schiepek 2006 Synergetik in der Psychologie: 260).

Gewohntes zu denken kommt billiger
Ich finde es ziemlich erleichternd und hilfreich zu wissen, dass nicht nur ich oft schnell zu kurz schließe. Lax formuliert, gleitet ein Argument, dem der Bauch schon zustimmt, leichter in die eigene Vorstellungswelt. Subjektiv sperrig wirkende Argumente werden dagegen wahrscheinlich oft als falsch verworfen, ohne überhaupt gründlich geprüft worden zu sein.

Es wäre gut, diese menschlichen Prozesscharakteristika einkalkulieren
Eines der Probleme, die wir haben könnte sein, dass viel zu lange ein sozialwissenschaftliches Menschenbild dominierte, nachdem im Fall der Menschen die Natur unwesentlich sei und beliebige mentale Konstruktionen unser Leben bestimmen. Dass Menschen sich erdsystemischen Bedingungen ebenso anpassen müssen wie andere Tiere, war kein Thema dabei.
Mir scheint in Sachen Klimawandel sollten wir alle Irritierendes auch dann gründlich denken, wenn es sehr anstrengt (etwa haben wir noch nicht herausgefunden, wie wir aus der energieintensiven Wachstumsfalle kommen). Dumme Gedanken per trial und error in der realen Umwelt auszusortieren könnte viel zu teuer werden. Wir werden wohl sehr respektvoll und rational die Köpfe zusammenstecken müssen.

(Bild von Gerd Altmann auf Pixabay. Danke!)